Kubicki: „Bin immer skeptisch, wenn andere nach Zusammenhalt rufen“
Er war mal Bundestagsvize, dann zerbrach alles. Wolfgang Kubicki, das Schlachtross der FDP, braucht momentan viel Zuversicht. Unser „Hoffnungs-Kolumnist“ Hendrik Heim fragte ihn, woher er sie zieht. Ein Gespräch über Freiheit in der Gesellschaft und schwurbelnde Politiker*innen.
Regierung weg. Lindner weg. Bundestag weg. Die FDP braucht gerade viel Hoffnung. Starke Köpfe, gute Ideen, klug vermittelt. Sie braucht es dringend, ansonsten wird sie endgültig bedeutungslos. In der Sonntagsfrage rangieren die Freien Demokraten jenseits der fünf Prozent.
Einer ihrer verbliebenen Hoffnungsträger ist Wolfgang Kubicki. Er möchte seine Partei zum sechsten Mal aufbauen. So entschlossen, dass der 74-jährige sogar Einladungen der Wiesbadener FDP im Stadtwahlkampf folgt. Und zwar im Schloss einer großen Sektkellerei. Typisch FDP. An einem Donnerstagabend bringt Kubicki hier mehr als hundert Gäste rein, das Durchschnittsalter liegt jenseits der 60. Ich war auch dabei.
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Ich nahm die Chance wahr, Kubicki nach der Hoffnung zu fragen. Für sich, für die Gesellschaft und für seine Partei, die im März aus zwei Landtagen fliegen könnte. Also Herr Kubicki, was macht Ihnen gerade Hoffnung?
Kubicki: Die Tatsache, dass wir bei Meinungsumfragen bundesweit wieder zulegen. Wir haben in Baden-Württemberg heute das erste Mal eine sechs vor dem Komma. Auch in Berlin haben wir zugelegt. Offensichtlich ist die Enttäuschung über die amtierende Regierung so groß, dass aus lauter Verzweiflung wieder die Freien Demokraten unterstützt werden.
Würden Sie sagen, die FDP ist eine Partei des Optimismus?
Kubicki: Jedenfalls eine Partei der guten Laune. Deshalb bin ich auch hier beim Wiesbadener Kommunalwahlkampf. Das Leben ist bitter genug und unsere Herausforderungen so groß, dass viele Leute in Depressionen verfallen. Wir Freie Demokraten nicht. Wir analysieren Probleme, um sie zu lösen, nicht um Ihnen Angst zu machen. Und ich glaube, das wird auch wieder große Zustimmung in Deutschland finden.
Gibt es was, was Ihnen gerade ganz persönlich und privat Hoffnung macht?
Kubicki: Ja, die Tatsache, dass das Wetter wieder besser wird. Der Winter in Schleswig-Holstein war wider Erwarten lang und hart. Unsere Häfen waren zugefroren – das hatten wir lange nicht mehr. Aber ich bin ja alt genug, um zu wissen, dass es das schon früher gab. Das ist keine neue Erkenntnis. Ich wundere mich nur, dass manche sich erstaunt gezeigt haben, dass es im Winter auch schneien und frieren kann, zum Beispiel in Berlin oder Hamburg.
Warum können wir es als Deutschland schaffen, aus globalen, multiplen Krisen wieder rauszukommen? Die USA sind nicht mehr unser Freund. China auf eigene Interessen bedacht. Russland spielt verrückt. Warum schaffen wir das und was braucht es dafür?
Kubicki: In unserer Gesellschaft liegt unglaublich viel Kraft. Wir haben eine ganze Menge kreativer Menschen bei uns. Ingenieure, Wissenschaftler, sehr viele gute Start-ups. Man muss die nur auch mal machen lassen und sie nicht dauernd mit Bürokratie drangsalieren. Und mit Kosten, die sie gar nicht stemmen können. Wenn man die Menschen wirtschaften lässt, erarbeiten sie den Wohlstand, den andere ihnen versprechen, ohne dass die ihn herbeiführen könnten.
Im Oktober 2025 habe ich Sie auf der Buchmesse gefragt, mit welcher Strategie Sie die FDP retten wollen. Sie haben geantwortet, statt Neustart solle sich die Partei lieber wieder auf ihre Kernthemen konzentrieren. Jetzt im März droht die FDP als Regierungspartei in Rheinland-Pfalz aus dem Landtag zu fliegen. Auch in Baden-Württemberg wird es am 8. März knapp. Ihre Strategie geht also scheinbar nicht auf, oder wie erklären Sie sich das?
Kubicki: In Baden-Württemberg sind wir kurz davor, die SPD zu überflügeln. Das ist ja auch schon mal eine positive Nachricht in Deutschland (Laut Insa-Prognose und der Forschungsgruppe Wahlen vom 4.3. bzw. 27.2. liegt die SPD bei neun Prozent, laut Infratest dimap bei sieben Prozent. Dagegen kommt die FDP bei allen Prognosen auf sechs Prozent; Anm. d. Red.). Aber unabhängig davon: Immer wenn Krisen vorherrschen, wenn Menschen ihre Planungssicherheit für ihr Leben verlieren, wenn sie unsicher werden, dann suchen sie nach Sicherheit. Und das ist in aller Regel der Staat. Die Freien Demokraten, das wissen sie, sind skeptisch, was den Staat angeht. In der äußeren und inneren Sicherheit oder bei der Garantie von Bildung ist staatliches Handeln in Ordnung. Aber in die Lebensgestaltung einzugreifen ist eben nicht okay. Wir sind nicht erziehungspflichtig und der Staat ist kein Erziehungsberechtigter. Wir sind keine Kinder, die man an die Hand nehmen muss. Wir sind eigenverantwortliche Menschen, die alles entscheiden können. Und wenn die Menschen das Gefühl haben, dass wenn sie sich einsetzen, sich das für sie auch wieder lohnt, dann werden die Freien Demokraten auch reüssieren.
Ein FPD-Kreisvorsitzender sagte mir kürzlich, Ihr neuer Parteivorsitzender Christian Dürr ist zwar ein jüngeres, neues Gesicht. Aber rhetorisch funktioniert er eher so steif wie Olaf Scholz. Sie würden da besser performen. Woher ruht denn Ihre Zuversicht, dass die Inhalte der FDP bei den Menschen mit Christian Dürr wieder ankommen werden?
Kubicki: Ich teile, dass ich Wirkung erziele. Das sieht man auch im heutigen Abend. Aber die Diskussion, Christian Dürr oder Wolfgang Kubicki, gibt es einfach nicht. Und die Kreisvorsitzenden, die sowas sagen, sollten sich vielleicht ein bisschen mehr anstrengen, aus ihren Möglichkeiten was zu machen für die Freien Demokraten. Nicht nach innen schauen, sondern nach außen. Wir müssen werben für uns. Wir müssen wahrnehmbar sein. Wir müssen pointierter formulieren und nicht so rumschwurbeln, wie das in der Politik mittlerweile üblich geworden ist. Die Menschen müssen uns verstehen, sonst können sie auch keine Zuneigung zu uns empfinden. Trotzdem bin ich mir ganz sicher, dass der Wunsch nach Freiheit fundamental vorhanden ist. In München sind 250.000 Menschen auf die Straße gegangen, um für die Freiheit im Iran zu demonstrieren. Wenn ich an 1989 zurückdenke, stellen sich mir immer noch die Nackenhaare auf. Da sind Menschen aus Sorge um ihr Leben auf die Straße gegangen, haben für Freiheit geworben. Es gibt einen Wunsch nach Eigenständigkeit, danach, sein Leben wieder gestalten zu können, wie man will. Einen Wunsch, keine Angst haben zu müssen, wenn man seine Meinung äußert. Wenn man beispielsweise Kubicki für einen Schwachkopf hält – was man machen darf – obwohl ich das für unzutreffend halte. Dieser Wunsch danach, wieder so zu leben, wie wir es früher gewohnt waren, wird sich Bahn brechen mit den Freien Demokraten.
Hoffnung und Zuversicht können ja auch bedeuten, dass die Gesellschaft wieder mehr zusammenstehen muss. Denn momentan werden die politischen Mehrheiten für demokratische Parteien dünner. Gleichzeitig stehen Sie immer für ihre Meinung ein und der FDP mangelt zum Teil an Kompromissfähigkeit. Wie also steht man gegen die AfD zusammen, und ist dabei kompromissbereit, um nicht noch mehr Regierungen scheitern zu lassen?
Kubicki: Ich bin immer sehr skeptisch, wenn andere nach Zusammenhalt rufen. Das sind in aller Regel diejenigen, die andere ausgrenzen wollen. Denn zum Zusammenhalt in der Gesellschaft würde auch gehören, AfD-Wähler nicht vor den Kopf zu stoßen, denn sie sind auch Teil der Gesellschaft. Darüber muss man nachdenken. Ich glaube aber schon, dass man Menschen auf ein gemeinsames Ziel fokussieren kann. Gleichzeitig müssen die Individualität, die Unterschiede in der Gesellschaft beachtet bleiben. Das Ziel darf nicht Gleichheit bedeuten. Das Ziel ist die Akzeptanz von unterschiedlichen Talenten, Neigungen und Fähigkeiten, die gefördert werden müssen. Sie werden nicht glücklich, wenn Sie zu einem Sänger werden müssten. Und ich werde nicht glücklich, wenn ich zwangsweise auf dem Fußballplatz muss. Aber ich werde glücklich, wenn ich reden darf, wenn ich als Anwalt tätig sein darf. Und Sie werden glücklich, wenn Sie demnächst ein herausragend guter Journalist werden in diesem Land.
Ich danke Ihnen!
Kubicki: Ja, vielen Dank!
Hoffnung Drei Tage früher im Postfach
Hendrik Heim sucht jede Woche nach den Hoffnungsträgern unserer Gesellschaft. Wer braucht oder hat Hoffnung? Welche Gedanken fördern Zuversicht? In seinem Newsletter „Die kleine Hoffnungsmail“ schreibt er seine Erkenntnisse auf – und veröffentlicht sie jeden Sonntag. Jetzt als Newsletter abonnieren und schon drei Tage vor Erscheinen bei TV Darmstadt lesen!
Auch wenn Wolfgang Kubicki bisweilen polarisiert – seine Entschlossenheit, mit der er für seine Sache kämpft, habe ich ihm angemerkt. Es braucht Politiker*innen in Deutschland, die nicht nur reden, sondern auch mit dem Herzen dahinterstehen. Nur so glaubt man ihnen, nur so können sie Hoffnung verbreiten. Egal, was man vom FDP-Garant hält – Leidenschaft hat er. Sonst wäre er wohl schon längst in Rente.
Bis zum nächsten Sonntag! Nach Gastartikeln und Interviews möchte ich euch da von einem persönlichen Hoffnungsmoment erzählen, der eine überraschende Wendung nahm.
Eine gute Nachricht habe ich noch zum Schluss! Ab sofort werden meine Beiträge immer mittwochs im Lokalmagazin “TV Darmstadt” als Kolumne veröffentlicht. Hier kommt ihr auf die Online-Seite.
Immer weiter gehen.
Euer Hendrik

