Vom Fluch der Männlichkeit

Die Zweifel gehören dazu, zum Erwachsenwerden, schreibt Hendrik Heim diese Woche. Doch durch die sogenannte „Mannosphäre“ können sie verzerrt werden. Über TikTok-Accounts, die dagegen ankämpfen. Und: Heims persönliche Erfahrung mit Blumen am Kölner Hauptbahnhof.

Hoffnung Drei Tage früher im Postfach


Hendrik Heim sucht jede Woche nach den Hoffnungsträgern unserer Gesellschaft. Wer braucht oder hat Hoffnung? Welche Gedanken fördern Zuversicht? In seinem Newsletter „Die kleine Hoffnungsmail“ schreibt er seine Erkenntnisse auf – und veröffentlicht sie jeden Sonntag. Jetzt als Newsletter abonnieren und schon drei Tage vor Erscheinen bei TV Darmstadt lesen!

Manchmal sind sie da. Alltagsmomente, in denen ich einfach die Fassung verliere. Ein Kommentar. Ein schlechter Witz. Eine krude Nachfrage reicht aus, und plötzlich stelle ich alles infrage. Gehe ich den richtigen Lebensweg? Schreibe ich nicht zu viele Texte, die eh keiner liest, und verpasse meine Jugend? Und überhaupt: bin ich muskulös genug, schön genug, schlau genug?

Wann immer sie kommen – solche Existenzkrisen sind erschütternd. Dass es sie gibt, ist normal. Schließlich bin ich 18. Ein Alter, indem sich Identität, Werte, Strukturen und Sicherheitsnetze erst ausbilden. So wie mir geht es vielen, wenn nicht allen Jugendlichen. Unsicherheit gehört fest zum Erwachsenwerden dazu.

Heute möchte ich über ein System schreiben, das genau diese Unsicherheit schonungslos ausnutzt. Und über Menschen, die etwas dagegen halten.


Alles beginnt mit einem Begriff: der MANOSPHERE, zu deutsch „Mannosphäre”. Gemeint sind damit Inhalte im Internet, die dazu anleiten, ein echter Mann zu werden. Wie das geht ist relativ einfach: Emotionen? Frauensache, echte Männer weinen nicht. Trainieren? Lebensmotto, am besten täglich zweimal. Beziehungen zu anderen sind optional, viel wichtiger ist innere Stärke, Rationalität, Erfolgsdruck, am besten durch Reichtum. Prominentester Vertreter dieser Mannosphäre ist der Frauenhasser Andrew Tate. Ein US-amerikanischer Unternehmer, der auf TikTok und Instagram viral geht. Erst am Freitag wurde bekannt, dass die britische Polizei ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wiederaufnimmt. Der Verdacht: Vergewaltigung. Zwei Thesen von Tate gefällig? “Los, schlag deine Freundin!”, oder auch “Man kann Frauen programmieren”.

Es sind wir, Jungs und junge Männer von 16 bis 25 Jahren, die besonders anfällig für solche Thesen sind. Hier kommen besagte Unsicherheiten ins Spiel. In einer solch fragilen Lebensphase, kurz nach der Pubertät, wollen wir herausfinden, wer uns Vorbild sein kann. In dieser haltlosen, unsicheren Zeit suchen wir nach Identität. Und nach einem starken Bruder, der uns sagt, wie die aussehen kann. Natürlich kann man das nicht verallgemeinern. Trotzdem fällt auf, wie stark der Einfluss von Influencern wie Tate auf junge Männer ist. Und das in den vermeintlich sozialen Medien, wo es gerade auf kurze, klare, polarisierende Botschaften ankommt. Das ist ein Problem. Jeder dritte GenZ-Mann, geboren zwischen 1995 und 2010, unterstützt die These: “Eine Frau muss ihrem Mann gehorchen”. Die Problemanalyse ist also relativ klar: einmal zu viel Manosphere-Content geliket, und schon bekommt man andauernd solche Inhalte angezeigt. Was also tun?


Ausgerechnet im Theater fanden sie eine Lösung für die Misere der Mannosphäre. Genauer im Kollektiv onlinetheater.live”. Drei Monate lang haben Kathi Kraft, Luzia Oppermann und Caspar Weimann untersucht, wie die Mannosphäre funktioniert. Mit Fakeprofilen auf TikTok haben sie die Methoden der Manfluencer analysiert, und mit drei eigenen Accounts Gegencontent erstellt. Die Machart ihrer Videos ist nahezu identisch: direkte Ansprache, aufgeregte Musik im Hintergrund, auf blumige Worte wird verzichtet. Das Besondere: anstatt Frauenhass waren die Botschaften der Kurzvideos, anderen zuzuhören, und ihnen mit Empathie zu begegnen. Da gibt es @wohin_von_hier, ein junger Mann, der aus einer Beziehung kommt, und das Publikum mitnimmt auf eine Reise zu seinen Gefühlen. Oder @alex.new.mindset, ein besagter “großer Bruder”, der direkt in die Kamera spricht und das Potential vom Miteinander erklärt. “Unsere Zielgruppe waren junge Männer zwischen 16 und 25, die am Anfang der Radikalisierung standen”, verrät Caspar Weimann. Das Ziel: die ewige Spirale in Rückzug, Frauenhass und Radikalisierung zu durchbrechen. Mit Erfolg! Am Ende der drei Monate standen über vier Millionen Aufrufe, fast 200.000 Likes und 4000 Kommentare. Das Projekt heißt “MYKE”, also eine Mischung aus dem Namen eines typischen, sinnsuchenden Jungen, und dem englischen Wort für Mikrofon.

Das Team um MYKE begreift das Projekt mehr als Theaterspiel denn als Pädagogik. “TikTok ist eine gigantische Bühne. Eine Bühne mit Konsumenten, die wir im Theater niemals erreichen würden. Also kommen wir zu ihnen”, sagt Luzia. Es braucht mehr solcher Projekte! Denn es zeigt: wir dürfen die junge Generation nich einfach verteufeln. Wir müssen in den Räumen aktiv sein, wo sie sich aufhalten!

Wer mehr über das Projekt MYKE erfahren möchte, klickt hier.


Good News der Woche #04

Neulich wartete ich am Kölner Hauptbahnhof auf den Bus. Ich war auf dem Weg zum Kölner Kongress des Deutschlandfunk – dort habe ich auch das Projekt von Luzia Oppermann und Caspar Weimann kennengelernt. Als der Bus kam, stieg ein Mann aus – und warf emotionslos einen frischen Blumenstrauß in den Mülleimer. Schockstarre. Drei Sekunden lang. Dann der Entschluss: ich rettete den Strauß, stieg ein, und wurde prompt von einer netten Dame angesprochen. Am Ende bekam ich ein sehr nettes Gespräch über die Stadt – und sie den Blumenstrauß. Es sind die kleinen Momente.

Wer mehr über die Zuversicht erfahren möchte, die Mannosphäre zu überwinden, dem sei ein Hörspiel empfohlen, dass das Team um Luzia und Caspar mit dem Deutschlandfunk produziert hat: Hacking the Manosphere. Hier geht’s zum Podcast des Deutschlandfunk.


Nächste Woche erfahrt ihr, was Jürgen Kaube über Hoffnung denkt. Der Journalist ist einer der vier Herausgeber der FAZ – mich hat er im Interview sehr inspiriert.

Immer weiter gehen

Euer Hendrik

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