Zweimal Alltag zum Mitnehmen, bitte!

Seit 20 Jahren kümmert sich Nicole Ruthof um die Ältesten in unserer Gesellschaft. Und das, obwohl sie zu Beginn mit Zweifeln kämpfte. Außerdem erzählt Hendrik Heim in dieser Woche die Geschichte eines Pfarrers, der nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine neue Hoffnung schöpfte – mit der Bibel.

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Hendrik Heim sucht jede Woche nach den Hoffnungsträgern unserer Gesellschaft. Wer braucht oder hat Hoffnung? Welche Gedanken fördern Zuversicht? In seinem Newsletter „Die kleine Hoffnungsmail“ schreibt er seine Erkenntnisse auf – und veröffentlicht sie jeden Sonntag. Jetzt als Newsletter abonnieren und schon drei Tage vor Erscheinen bei TV Darmstadt lesen!

Man könnte an diesem Sonntag über so vieles schreiben. Über den Iran-Krieg, den Skandal um Christian Ulmen, oder die horrenden Tankstellenpreise. Aber ich bin ehrlich – diese Nachrichten hören wir doch eh jeden Tag, stehen mit ihnen auf, gehen mit ihnen ins Bett, und es verfestigt sich der Eindruck: gerade geht alles den Bach runter!

Deshalb möchte ich den Blick heute auf etwas anderes werfen. Auf zwei Menschen, die im Sturm der Aktualität einfach weitermachen. Die aus ihrem Alltag Hoffnung ziehen. Ich möchte euch heute zwei Geschichten erzählen. Die von Nicole Ruthof, die ich an ihrem 20. Jubiläum als Altenpflegerin getroffen habe. Und die von Pfarrer Ralf Schmidt, der mir erklärt hat, wie er in seiner Gemeinde Hoffnung verbreitet. Viel Spaß dabei.


Wie ein Seniorenheim uns die Welt erklärt

Wer gesundheitlich fit ist, kann sein Leben gestalten. Wer das nicht mehr ist, braucht Menschen wie Nicole Ruthof. Seit genau 20 Jahren arbeitet sie im EVIM-Seniorenzentrum Kostheim. Ein Grund zum Feiern. Eigentlich hatte sich die 56-jährige deswegen freigenommen. Für das Interview kommt sie trotzdem zur Arbeit, um über ihre Leidenschaft zu sprechen: die Altenpflege. „Ich bin früh mit älteren Menschen aufgewachsen, meine Oma hat bei uns im Haus gewohnt“, erzählt Ruthof. Nach einer Station als Zahnarzthelferin kam sie wie automatisch zur Altenpflege, ließ sich in einer städtischen Einrichtung ausbilden und wechselte zum Anfang seines Bestehens zum Seniorenzentrum mit evangelischem Träger. Wenn es gesellschaftliche Umbrüche gibt, merkt Ruthof die Folgen als Erste. Zum Beispiel während Corona. Da durften Bewohner*innen, die im Sterben lagen, zeitweise nicht von ihren Angehörigen besucht werden. Klatschen auf den Balkonen half Ruthof da nicht – ihre Zuversicht, dass es besser wird, kam von innen. Die stellvertretende Pflegedienstleiterin liebt ihren Job, das merkt man ihr an. Trotzdem sagt sie: „Man darf nicht mit jedem mitsterben. Man braucht einen Ausgleich“.

Ein anderes Problem ist der demografische Wandel. Und, dass sich immer Weniger für die Pflege interessieren. Es sind die alten Probleme: zu wenig Geld für zu viel Arbeit, auch am Wochenende, auch in der Nacht. Nicole Ruthof kennt das: „Nach einer Woche wollte ich gar nicht mehr hinkommen. Aber man war damals noch anders sozialisiert – ich musste durchhalten.“ Sie selbst arbeitet meist zehn Tage am Stück und hat danach drei Tage frei. Von einem verpflichtenden Zivildienst in der Pflege hält sie nichts. Ein persönlicher Wunsch zum 20. Dienstjubiläum? „Dass wir mehr Zeit haben, etwas außer der Reihe zu machen. Dass die Bewohner auch mal rauskommen.“ Bis es so weit ist macht Ruthof weiter. Cool, abgeklärt und unerschütterlich. Und hält damit ganz nebenbei unsere Gesellschaft am Laufen.


Ein Pfarrer und sein Hort der Hoffnung

Von außen wirkt sie grau und nüchtern. In der Kulturkirche fühlt man sich erhellt. Hunderte Buntglasfenster an allen vier Wänden erzählen vom Leben. Ein wahrer Hoffnungsort, findet auch Pfarrer Ralf Schmidt. Gerade läuft er durch die Bänke seiner evangelischen Kreuzkirche in Wiesbaden und spricht über die neue Ausstellung im Kirchraum. Sie zeigt alltägliche, urbane Situationen, die den Menschen auf den Bildern Zuversicht geben. Dem Betrachter auch. Vor 13 Jahren ist Ralf Schmidt mit seinem Ehemann – einem Kunstexperten – ins Pfarrhaus im Walkmühltal gezogen. Mittlerweile ist die Kreuzkirche für ihre Vernissagen stadtbekannt.

Im Pfarrbüro kommen wir direkt zum Thema, das mich zu Ralf Schmidt führt: Kirche und Zuversicht. „Nach Beginn des Ukrainekriegs bin ich mit meinem lieben Gott hart ins Gericht gegangen. Ich habe die Bibel nach ihm geworfen und prompt fiel sie mir wieder vor die Füße. Ich schlug sie auf und fand für mich die Zuversicht. Und zwar weiterhin im Glauben darauf: egal was ein Mensch lenkt, Gott wird eine gute Zukunft bauen.“ Ich bleibe kritisch. Warum sollte die Kirche weiterhin ein Hort der Hoffnung sein, wenn immer mehr Menschen austreten? Der Pfarrer antwortet im Schwärmen: „Das große Benefit der kirchlichen Tradition ist, dass wir uns jeden Sonntag leibhaftig treffen. Gemeinschaft stärkt, Zusammenkommen stärkt. Dafür stehen die Gemeinden. Viele junge Menschen entscheiden sich gerade wieder bewusst für die Kirche. Ein Viertel meiner derzeitigen Konfirmandinnen und Konfirmanden waren vorher nicht getauft. Ihnen sind die Werte in der Bibel Orientierung und Halt, der sie in den Krisen dieser Zeit trägt.“

Trotzdem müsse sich eine Kirche, die von Bedeutung für die Menschen bleiben will, stets wandeln. Dann wird Ralf Schmidt ernst. Er spricht den konservativen, reaktionären Ruck an, der größer werde. „In unsicheren Zeiten suchen die Menschen nach einem Schuldigen. Und Schuldige sind oft schwache Randgruppen, die sie als solche identifizieren. Nicht umsonst steigt im Moment der Antisemitismus wieder an. Aber auch bei Errungenschaften in der Gleichberechtigung oder der Akzeptanz queerer Lebensformen erfahren wir wieder mehr Gegenwind. Als Kirche dieser Gesellschaft werden wir uns dafür einsetzen, dass diese Errungenschaften nicht verloren gehen. Angst ist der schlechteste Ratgeber überhaupt.“


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Immer weiter gehen

Euer Hendrik

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